Apollo und Dionysos im Vergleich Term Paper

Words: 1818
Topic: Literatur

Einführung

Für diejenigen, die sich um einen vertieften Einblick in die diskursive Bedeutung der griechischen Antike bemühen, ist es von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass die olympischen Götter Apollon und Dionysos nicht nur die Essenz der Religiosität der alten Griechen widerspiegeln, sondern auch das, was in ihrer unbewussten Psyche unvereinbar und doch eng miteinander verbunden war. Während Apollo als Verkörperung der Sehnsucht der alten Griechen nach Schönheit, Ordnung und kognitiver Klarheit diskutiert werden kann, scheint die Figur des Dionysos unterschwellig für die irrationalen/atavistischen Ängste dieser Menschen gestanden zu haben, die sich mit den Begriffen Leidenschaft, Trunkenheit und Sexualität befassten. In meinem Beitrag werde ich die Stichhaltigkeit dieser Vermutung im Hinblick darauf untersuchen, wie sich die berühmten Werke der antiken griechischen Literatur auf die zuvor erwähnten olympischen Götter beziehen.

Hauptteil des Papiers

Auch wenn die homerischen Hymnen im Laufe der Jahrtausende unzählige Male redigiert und umgeschrieben wurden, was dazu führte, dass einige Teile dieser Hymnen nicht mehr verständlich sind, enthalten sie doch diskursiv relevante Informationen darüber, für welche Art von existenziellen Werten der Gott Apollo stand. Zum Beispiel sagt der anonyme Autor in Bezug auf Apollo:

Über das fruchtbare Festland und die Inseln.

Sie (Apollo) lieben die Aussichtspunkte und die hoch aufragenden Landzungen

Von den steilen Bergen und den Flüssen am Meer (An Delian Apollo 19)

Wie Psychologen sehr wohl wissen, sind es gerade Menschen mit der so genannten “faustischen” (herrschsüchtigen) Mentalität, die von den “hoch aufragenden Landzungen” besonders angezogen werden. Der Grund dafür ist, dass diese Menschen auf dem Gipfel des Hügels/Bergs das Gefühl haben, der Umgebung eine gewisse Dominanz aufzwingen zu können. Selbst im rein utilitaristischen Sinne dieses Wortes bietet der Aufenthalt auf dem Gipfel des Hügels/Bergs dem Betreffenden den Vorteil, dass er die möglichen Bewegungen seiner potenziellen Feinde genau beobachten kann. Daher kann Apollos Faszination für offene Räume, die durch das obige Zitat veranschaulicht wird, durchaus als Ausdruck des innersten Wunsches dieses Gottes angesehen werden, andere zu beherrschen.

Dies erklärt auch, warum Apollo im Verlauf der homerischen Hymnen als ein Mensch beschrieben wird, der ein besonderes Vergnügen daran hat, Feinde zu bekämpfen – vor allem, wenn diese den Geist einer bösen Urzeit ausstrahlen:

Der edle Sohn des Zeus (Apollo)

Dort tötete er eine riesige Schlange mit seinem starken Bogen,

Ein wildes, aufgedunsenes Monster, das Empörung hervorrief

Ständig gegen das Volk des Landes (An Pythian Apollo 29).

Da es in der Natur des Menschen liegt, sich vor Reptilien zu fürchten, kann es kaum Zweifel daran geben, dass der Akt des Schlangentötens durch Apollo eindeutig archetypisch ist. Das heißt, sie projiziert die Ängste der alten Griechen vor den “abscheulichen” Werken der Natur und gibt diesen Menschen eine bestimmte Verhaltensmatrix vor, wie sie sich angesichts des schrecklichen Unbekannten verhalten sollten.

Dennoch wäre es unangebracht zu behaupten, dass Apollos Streben nach Herrschaft/Macht im Wesentlichen irrational war. Ganz im Gegenteil – die literarischen Darstellungen dieses besonderen Gottes zeigen ihn als jemanden, der sich stets bewusst war, dass der wichtigste Schlüssel zur Herrschaft/Macht der Intellekt/die Rationalität ist. Daraus ergibt sich die diskursive Bedeutung des folgenden Zitats:

die sich hier versammeln. Zeigt vor allem meine (Apollos) Bestimmung…

Wenn ein Wort oder eine Handlung von dir dumm ist…

Dann werden andere Männer kommen, um eure Herrscher zu sein (An Pythian Apollo 37).

Mit dieser Aussage wollte Apollo die Menschen offensichtlich dazu ermutigen, die Herausforderungen des Lebens vernünftig anzugehen, ohne sich von ihren tiefsitzenden irrationalen Wünschen beeinflussen zu lassen. Dies zeigt einmal mehr, dass Apollo, der “Gott der Vernunft”, dessen Platz in der Hierarchie der olympischen Götter die Einstellung der alten Griechen zur Rationalität als der wahrscheinlich wertvollsten aller existentiellen Tugenden widerspiegelt.

Die meisten Hinweise auf Apollo in den homerischen Hymnen deuten auch darauf hin, dass die alten Griechen dialektisch dachten. Das heißt, sie waren sich der deterministischen Natur der Beziehung zwischen Ursachen und Wirkungen stets bewusst. Daher die enge Verbindung von Apollo mit dem Begriff der Schönheit:

Mit feinen, hohen Schritten und Helligkeit strahlte um ihn (Apollo).

Seine schnellen Füße und seine kostbare Tunika leuchten (An Pythian Apollo 26).

Offensichtlich wollte der anonyme Autor die Idee fördern, dass Apollos Lebensstellung als rationaler und herrschsüchtiger Gott nicht außerhalb der Besonderheiten seiner physischen Erscheinung diskutiert werden kann. Als leuchtender, “goldhaariger” Gott sublimierte Apollo das unbewusste Bewusstsein der alten Griechen, dass es durchaus möglich ist, eine bestimmte Person im psychologischen Sinne des Wortes allein durch ihr Aussehen zu definieren. Die Gestalt des Gottes Apollo spiegelte auch das Verständnis dieser Menschen wider, dass in dieser Welt alles mit allem zusammenhängt, weshalb es durchaus angebracht ist, Parallelen zwischen den organischen und nicht-organischen Emanationen der umgebenden Realität zu ziehen. Dies erklärt, warum Apollos “goldener Harnisch” als ein weiteres Indiz für seine Erhabenheit dienen sollte. Schließlich gilt das Metall Gold auch heute noch als das edelste von allen. Der Bericht über Apollon in den Homerischen Hymnen veranschaulicht die wichtigste kognitive Prädisposition der alten Griechen – ihre Tendenz, die Begriffe Schönheit und Intellekt/Rationalität als solche zu betrachten, die sich organisch aus einander ableiten.

Die frühere Vermutung hilft, die symbolischen Feinheiten zu erklären, mit denen der anonyme Autor der homerischen Hymnen auf den Gott Dionysos Bezug nimmt. Zum Beispiel hat der Autor bewusst die “nicht-arischen” Besonderheiten des Aussehens von Dionysos hervorgehoben:

Auf einer vorspringenden Höhe und wie ein kleiner Junge aussehend

In seiner ersten Blüte, sein schönes schwarzes Haar weht (An Dionysos [Fragmente] 1)

Damit sollte natürlich der Gedanke vertreten werden, dass es zwischen Dionysos und Apollo tatsächlich einen großen Unterschied gegeben haben muss – noch bevor die Leser mit den Berichten über die Positionierung von Dionysos im Leben konfrontiert wurden, als ein von Leidenschaft getriebener Mensch, der die Welt um sich herum auf eine eindeutig emotionale Weise wahrnimmt. Offenbar war man sich schon in der griechischen Antike der Tatsache bewusst, dass ein Individuum umso eher zu irrationalem Verhalten neigt, je “dunkler” es ist. In dieser Hinsicht scheint das Verhalten des dunkelhaarigen Dionysos völlig im Einklang mit den diskursiven Implikationen seines Aussehens zu stehen:

Sofort rief er seinen Begleitern zu:

“Idioten!”… (An Dionysos 68)

Das obige Zitat stellt Dionysos als ein Individuum dar, das nie aufhörte, das akute Gefühl eines irrationalen Zorns zu erleben – daher seine verbale Gewalttätigkeit.

Die Tatsache, dass Dionysos von den antiken griechischen Autoren gemeinhin als ein emotional impulsiver Gott beschrieben wurde, der schnell die Beherrschung verliert, gibt jedoch nur einen teilweisen Einblick in seinen Charakter. Wie aus Euripides’ Tragödie Die Bakchen hervorgeht, unterzog Dionysos auch diejenigen, die es wagten, an seiner göttlichen Natur zu zweifeln, gerne einer Vielzahl von Bestrafungen. So verursachte Dionysos nach einem Streit mit Pentheus ein Erdbeben, damit das Haus seines Gegners einstürzte. Nachdem er von Pentheus’ Unglück erfahren hat, freut sich Dionysos sehr darüber, was mit diesem “widerspenstigen Mann” geschehen ist, und ruft aus: “Und nun ist sein (Pentheus’) Schwert gefallen, und er liegt erschöpft und abgemagert da, der es wagte, sich im Zorn gegen seinen Gott zu erheben, da er nur ein Mensch war” (Euripides 23). Dies stellt Dionysos natürlich als einen besonders rachsüchtigen Menschen dar, der eine emotionale Befriedigung daraus zog, andere leiden zu sehen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Rachsucht eine unverkennbar leidenschaftliche Emotion ist, bestätigt dies einmal mehr die Gültigkeit des traditionellen Bildes von Dionysos als jemand, der dem “assoziativen” Denken frönte und sich auf die schiere Kraft seiner intuitiven Emotionen verließ, um die Herausforderungen des Lebens bewältigen zu können.

Einer der Gründe, warum Dionysos im Gegensatz zu Apollo (“Gott der Vernunft”) gemeinhin als “Gott der Leidenschaft” bezeichnet wird, ist die Tatsache, dass die alten Griechen ihn für den Schutzpatron der Winzer hielten. Wenn Menschen betrunken sind, lassen sie viel eher zu, dass ihre unbewussten Ängste die Oberhand über ihren rationalen Verstand gewinnen, weshalb der Anblick von streitenden betrunkenen Männern an der Bar nichts Ungewöhnliches ist. Wie Psychologen jedoch wissen, führt der Konsum von Alkohol nicht nur zu mehr Gewaltbereitschaft, sondern auch zu einer gewissen “Verspieltheit” der Menschen. Dies erklärt, warum Dionysos im Verlauf von Aristophanes’ Komödie Die Frösche immer wieder verschiedene Verkleidungen annimmt und sogar bereit ist, so tief zu sinken, dass er sich als sein eigener Sklave Xanthias ausgibt: “Dionysos: Komm, wenn du ein so tapferer Mann bist, Willst du ich sein und die Heldenkeule und das Löwenfell nehmen, da du so ungeheuer mutig bist? Und ich werde nun der Sklave sein und das Gepäck tragen” (Aristophanes 21). Doch auch wenn Dionysos’ Bequemlichkeit, die Identität anderer anzunehmen, ihm geholfen hat, sich aus vielen potenziell gefährlichen Situationen herauszuwinden, kann man sie kaum als bewundernswert im moralischen Sinne dieses Wortes bezeichnen. Offenbar empfinden die Menschen intuitiv, dass die Bereitschaft, sich als jemand auszugeben, der man definitiv nicht ist, etwas völlig Unangemessenes hat. Dies erklärt, warum der Beruf des Schauspielers bis in die jüngste Zeit hinein verachtet wurde. In dieser Hinsicht kann man Dionysos als den ersten Schauspieler überhaupt bezeichnen – im Gegensatz zu Apollo hat er sich nie um ein würdiges Auftreten bemüht.

Die bereits zitierte Komödie gibt uns in der Szene, in der sich Dionysos über die Konventionen des klassischen griechischen Theaters lustig macht, einen weiteren Hinweis darauf, was für ein Mensch Dionysos einst war: “Nein, er (Aischylos) wird mit ‘Verloren seine Flasche Öl! Diese Ölfläschchen auf all deinen Prologen scheinen sich zu sammeln und zu wachsen, wie Augenringe auf dem Auge. Wendet euch nun um Gottes willen seinen Melodien zu” (Aristophanes 46). Offensichtlich konnte Dionysos nicht umhin, zynische Bemerkungen zu machen, und zwar zu so gut wie allem. Dies wiederum deutet darauf hin, dass Dionysos trotz seines formalen Status als “Gott” mit dem Begriff der “Göttlichkeit” in erster Linie sehr wenig zu tun hatte. Denn gerade die Erkenntnis, dass man trotz seiner Bestimmung für etwas Größeres dazu verdammt ist, ein ganz gewöhnliches Leben zu führen, veranlasst den Betreffenden, die ihn umgebende Wirklichkeit durch die Brille des Sarkasmus wahrzunehmen. Die Begriffe “Göttlichkeit” und “Ohnmacht” (die in Dionysos’ sarkastischen Äußerungen zum Ausdruck kommen) sind jedoch nicht ganz deckungsgleich.

Schlussfolgerung

Ausgehend von dem zuvor Gesagten können wir die wichtigsten diskursiven Unterschiede zwischen den olympischen Göttern Apollo und Dionysos wie folgt zusammenfassen:

Ich glaube, dass die zuvor dargelegte Argumentationslinie in Bezug auf die wichtigsten diskursiven Gegensätze zwischen den olympischen Göttern Apollo und Dionysos voll und ganz mit der Ausgangsthese des Papiers übereinstimmt. Offensichtlich ist es in der Tat völlig angemessen, sie als solche zu bezeichnen, die das ambivalente Funktionieren der Psyche so ziemlich jeder Person symbolisieren.

Zitierte Werke

Aristophanes. Die Frösche. Oxford: Clarendon Press, 1905. Drucken.

Euripides. Die Bacchae. Philadelphia: The Pennsylvania State University Press, 2010. Drucken.

“An den delischen Apollo”. Die homerischen Hymnen. Eds. T.W. Allen, W.R Halliday und E.E. Sikes. Oxford: Clarendon Press, 1936. 19-24. Drucken.

“An Dionysos [Fragmente]”. The Homeric Hymns. Eds. T.W. Allen, W.R Halliday und E.E. Sikes. Oxford: Clarendon Press, 1936. 1-2. Drucken.

“An Dionysos. Die homerischen Hymnen”. Eds. T.W. Allen, W.R Halliday und E.E. Sikes. Oxford: Clarendon Press, 1936. 68-69. Drucken.

“An den pythischen Apollo”. Die homerischen Hymnen. Eds. T.W. Allen, W.R Halliday und E.E. Sikes. Oxford: Clarendon Press, 1936. 25-37. Drucken.